Computer, Smartphone, Tablet, E-Reader – die Zeit, die wir täglich vorm Bildschirm verbringen, nimmt stetig zu. Das hat Auswirkungen auf unsere Augen. (© goodluz – stock.adobe.com)

Digitales sehen

Bereits in der ersten Viertelstunde nach dem Aufwachen schauen fast 40 Prozent der Deutschen aufs Smartphone. Im öffentlichen Nahverkehr fühlt sich ein Buchleser wie ein digitaler Verweigerer. Doch spätestens am Arbeitsplatz schaltet auch er seinen Computer ein. Dem elektronischen Fortschritt kann sich kaum jemand entziehen. Dazu hat die Corona-Pandemie noch einmal entscheidend beigetragen. Im Zuge der voranschreitenden Digitalisierung steht eine der komplex­esten Sinnesleistungen des Menschen vor einer gigantischen Herausforderung: das Sehen. Hatten die Augen Jahrmillionen Zeit, sich als hochleistungsfähige Sinnesorgane fürs Leben und Überleben zu perfektionieren, wirkt das Computerzeitalter wie ein Crashkurs auf sie: In Highspeed müssen sie mit neuen Aufgaben klarkommen.

Das neue Sehen
Arbeit und Bildung spielen sich mehr und mehr in Innenräumen ab. Die Aufmerksamkeit ist meistens stundenlang auf Monitore gerichtet. Digitales Dauerfeuer belastet die Augen. Zusätzlich fehlt es an Tageslicht und Abwechslung. Der Blick in die Ferne kommt zu kurz. Damit nicht genug: Smartphones, Tablets oder Spielecomputer bestimmen die Freizeit. Nah­sehen rund um die Uhr ist angesagt. Die Augen wehren sich mit Brennen, Rötungen, Tränen oder Trockenheit. Zudem sehen Experten weltweit die Kurzsichtigkeit auf dem Vormarsch; im Jahr 2050 könnte jeder Zweite betroffen sein.
Die Digitalisierung verändert nicht nur das Arbeits- und Freizeitverhalten, sie beeinflusst auch die Vorgänge im menschlichen Organismus. Und sie hinterlässt Spuren. So spricht die Fachwelt von Computer Vision Syndrome (CVS), Office Eye Syndrome, digitalem Sehstress. Viele Namen für die gleichen Beschwerden: vor allem Augenprobleme, aber auch Kopf-, Nacken- und Schulterschmerzen. Betroffen sind Menschen, die länger auf Monitore und Displays schauen. Sieben von zehn Bildschirmnutzern sollen bereits CVS-Symptome aufweisen. Es trifft Normalsichtige genauso wie Menschen mit Sehfehlern, Kinder ebenso wie Erwachsene.

Monotonie durch Monitore
Die Augen des Menschen hatten im Laufe der Evolution gelernt, im steten Wechsel nah und fern scharf zu sehen. Diese Fähigkeit zur Schärfeanpassung heißt Akkommodation. Der Ziliarmuskel an der Augenlinse zieht sich beim Fokussieren eines nahen Objekts zusammen und entspannt sich bei größerer Sehdistanz. Dabei verformt sich die Linse und ändert ihre Brechkraft. So entsteht auf der Netzhaut ein scharfes Bild. Früher wechselten sich Nahsicht und Fernsicht beständig ab. Doch Bildschirme von Computer oder Notebook, Displays von Tablets, Smartphone oder E-Reader befinden sich relativ nah vor dem Auge. Das zwingt die Linse anhaltend in den Nahsichtmodus.
Bildschirme verordnen den Augen Monotonie: permanentes Nahsehen, starre Sicht auf eine kleine Fläche, wenig Augenbewegungen. Der Blick wechselt lediglich über kurze Distanzen, etwa zwischen Monitor und Tastatur. Dieses unnatürliche Verharren ist für die Augen extrem anstrengend.
Drei Viertel aller Bildschirmnutzer klagen über trockene Augen. Konzentriert auf den Monitor schauen, heißt weniger blinzeln. Die üblichen bis zu 20 Lidschläge pro Minute werden auf ein bis zwei reduziert. So wird weniger Tränenflüssigkeit über das Auge verteilt. Das ist nicht nur irritierend oder gar schmerzhaft, sondern auch eine Einladung an Krankheitserreger.

Kurzsichtigkeit bei Kindern
Vor allem Kinder und Jugendliche sind durch permanentes Nahsehen gefährdet. Wie sie selbst wachsen auch ihre Augen noch. Das ständige Starren in kurzen Distanzen regt jedoch den Augapfel an, mehr als normal in der Länge zu wachsen. Ein zu langer Augapfel ist eine Ursache für Kurzsichtigkeit (Myopie). Ebenso fördert die – gegenüber dem Tageslicht draußen – geringere Beleuchtungsstärke in Räumen diese Fehlsichtigkeit. Heranwachsende, die weniger als eine Stunde täglich im Freien verbringen, haben ein um mehr als 30 Prozent höheres Myopie-Risiko als die, die jeden Tag mehr als zwei Stunden draußen sind.  Experten weltweit sehen den vor allem in Asien beobachteten Aufwärtstrend dieser Fehlsichtigkeit als Alarmzeichen.

Blaulicht wird zum Risiko
Bildschirme und Displays mit LED-Technik haben Hintergrundbeleuchtungen mit einem hohen Anteil an Blaulicht. Es gelangt fast ungehindert ins Auge bis hin zur Netzhaut. Wer lange auf Computermonitor oder Smartphone schaut, nimmt viel davon auf. Die Wirkung ist ähnlich wie die der Sonne beim Sonnenbrand. Potenzielle Gefahr von Schädigungen besteht vor allem für die Netzhaut. Blaulicht wird in Verbindung gebracht mit dem Entstehen der Makuladegeneration, einer schweren Augenerkrankung, die zur Erblindung führen kann.
Darüber hinaus hemmt Blaulicht die Bildung von Melatonin. Dieses Hormon steuert den Schlaf-Wach-Rhythmus: Je niedriger der Melatonin-Spiegel, desto wacher ist der Mensch. Wer noch kurz vorm Zubettgehen eine gehörige Portion Blaulicht aufnimmt, hat ein Einschlafproblem.

 

Hatten die Augen Jahrmillionen Zeit, sich als hochleistungsfähige Sinnesorgane fürs Leben und Überleben zu perfektionieren, wirkt das Computerzeitalter wie ein Crashkurs auf sie:
In Highspeed müssen sie mit neuen Aufgaben klarkommen.

 



Regelmäßige Vorsorge: Für Bildschirmarbeiter sind regelmäßige Augenuntersuchungen das A und O. Das ist auch in den gesetzlichen Arbeitsschutzregelungen festgelegt.  Die entsprechende Untersuchung nimmt ein Arzt für Arbeitsmedizin oder für Betriebsmedizin vor. Den Sehtest können ebenso Augenoptiker oder Optometristen durchführen. Sie prüfen die Sehschärfe in Ferne und Nähe, das zentrale Gesichtsfeld und das Farbensehen. Die Diagnose von Augenkrankheiten und deren Behandlung obliegen dem Augenarzt. Bei erkannten Sehschwächen helfen in den meisten Fällen Korrektionsbrillen oder Kontaktlinsen.

Passende Brillen: Am Computerarbeitsplatz herrschen eigene Seh-Verhältnisse: Die Augen richten sich hauptsächlich auf den Bildschirm, doch auch die Tastatur davor und der Raum dahinter wollen scharf im Blick liegen. „Normale“ Sehhilfen stoßen hier an ihre Grenzen. Vor allem Alterssichtigen bringen spezielle Bildschirmbrillen besonderen Sehkomfort in den mittleren und kurzen Entfernungen. Das ist der Sehabstand zum Monitor, der zwischen 50 und 100 Zentimetern liegt. Dem ist die größte Fläche im Brillenglas eingeräumt. Darunter befindet sich der Nahbereich, durch den sich die Tastatur und Manuskripte unangestrengt überschauen lassen. Oben in den Gläsern gibt es eine relativ kleine Zone für das Sehen über einen Meter hinaus. Sie reicht aus, um den Terminkalender an der Wand oder den Gesprächspartner hinterm Schreibtisch gut zu erkennen. Damit unter 40-jährige, die noch nicht alterssichtig sind, entspannt auf digitale Endgeräte schauen können, gibt es für sie Brillengläser mit einer leichten Nahunterstützung (Low Addpower). Sie heißen etwa Wellness-, Antifatigue-, Active-Gläser oder auch Digital-Brillengläser. Ihr Aufbau gleicht dem von Gleitsichtgläsern. Die Unterstützung im Nahbereich liegt zwischen +0,25 Dioptrien und +1,75 Dioptrien. Um die negativen Einflüsse des blauen Lichts von Bildschirmen und Displays auf die Augengesundheit und den Biorhythmus zu reduzieren, werden blaulichtreduzierende Brillengläser angeboten. Sie filtern laut Experten bis zu 20 Prozent des ins Auge fallenden Blaulichts heraus.

Mehr Bewegung: Die 20-20-20-Regel empfiehlt, immer mal von Bildschirm und Display aufzuschauen: alle 20 Minuten für 20 Sekunden 20 Meter in die Ferne sehen. Dabei mit den Augen durch die Umgebung spazieren gehen. Außerdem: blinzeln. So wird frische Tränenflüssigkeit über die Augenoberfläche verteilt. Das lindert Brennen, Jucken und Rötung. Darüber hinaus hilft viel Flüssigkeit, also viel Trinken, auch von innen gegen trockene Augen.

Frische Luft tanken: Pausen draußen verbringen – das hilft gegen trockene Augen.

Abstand schaffen: Smartphone und Tablet nicht direkt vor die Nase halten. 30 bis 40 Zentimeter Leseabstand schont die Augen.

 

 

Digitales Dauerfeuer belastet die Augen.
Der Blick in die Ferne kommt zu kurz.

 

Quelle: Kuratorium Gutes Sehen e.V. (www.sehen.de)