ZUM GERTRÜDCHEN KOMMEN SIE ALLE

Schon Graf En­gel­bert III. erkan­nte sein­erzeit, dass die Stadt an der Hön­ne­quelle eine be­son­dere Po­si­tion in der Re­gion ein­n­immt. In der Ab­gren­zung zum Kurköl­nischen galt sie als strate­gisch wichtiger Punkt, so­dass der Auf­bau von Gren­zfesten er­forder­lich war. Heute ist Ab­gren­zung in Neuen­rade je­doch kein The­ma mehr: Man gibt sich als weltof­fene Klein­s­tadt mit 12.000 Ein­woh­n­ern und bre­it aufgestell­ten In­dus­trie- und Gewer­be­be­trieben.

Zwar hat der de­mo­gra­fische Wan­del auch in Neuen­rade seine Spuren hin­ter­lassen, je­doch fällt der Bevölkerungs­rück­gang mit 4,5 Prozent in den let­zten zehn Jahren eher mild aus. Und mit ein­er Ar­beit­s­losen­quote von nur 4,6 Prozent darf sich die Hönnes­tadt durchaus als wirtschaftss­tark bezeich­nen. Viele tra­di­tion­s­reiche Fam­i­lie­nun­terneh­men sor­gen für ein sta­biles Grundgerüst, darüber hi­naus wur­den in den östlich gele­ge­nen Gewer­bege­bi­eten in den let­zten Jahren einige mit­tel­ständische Un­terneh­men ge­grün­det und im­mer weit­er aus­ge­baut.

„Das wirtschaftliche Rück­grat der Stadt wird geprägt durch kleine und mit­tel­ständische Un­terneh­men, die fast aussch­ließlich ei­gen­tümerge­führt sind und sich rel­a­tiv häu­fig schon in der zweit­en und drit­ten Gen­er­a­tion befin­d­en. Dies führt zu ein­er be­son­deren Bin­dung der Ar­beit­ge­ber und Ar­beit­neh­mer“, erk­lärt Chris­tiane Frauen­dorf, Geschäfts­führerin des Stadt­mar­ket­ing Neuen­rade e. V. Be­son­ders stolz ist die Stadt auf ihre Welt­markt­führ­er, die sich aus un­ter­schiedlich­sten Branchen rekru­tieren. Tra­di­tionell stark sind neben Au­to­mo­bilzulief­er­ern sowie Maschi­nen- und An­la­gen­bauern vor allem das pro­duzierende Gewerbe, Di­en­stleis­ter sowie Han­del und Lo­gis­tik. Auf­grund der fam­i­lienge­führten Un­terneh­men wird laut Chris­tiane Frauen­dorf haupt­säch­lich langfristig und im Sinne der kom­men­den Gen­er­a­tio­nen ge­plant. „Das ist mit Sicher­heit ein Grund dafür, dass die Un­terneh­men er­fol­greich sind.“ Auch die gute und un­kom­pl­izierte Zusam­me­nar­beit mit der Stadtver­wal­tung kommt der heimischen In­dus­trie zugute – kurze Wege und das per­sön­liche Ge­spräch sind hi­er im Sinne aller Beteiligten.

Turm + Hügel = Motte

Seit den Ge­bi­et­sen­twick­lungs­re­for­men in den Jahren 1969 und 1975 ge­hören die Ort­steile Kün­trop, Af­feln, Al­te­naf­feln und Blin­trop zu Neuen­rade. Sie gaben der Stadt sein­erzeit die Ei­gen­berech­ti­gung, weit­er zu beste­hen. Heute sind die Ort­steile laut Bürg­ermeis­ter An­to­nius Wie­se­mann wichtiger denn je: „Die Dör­fer sind ein Vor­bild an Zusam­men­halt und Ge­mein­schaft.“ Außer­dem befin­d­en sich einige Se­hen­swürdigkeit­en außer­halb der Kern­s­tadt, et­wa der Klap­pal­tar in Af­feln, die klei­nen Kapellen in Al­te­naf­feln und Blin­trop sowie die Turmhügel­burg in Kün­trop, die jed­er nur „die Mot­te“ nen­nt.

Die An­lage ist mit ihren stattlichen 22 Me­tern Höhe schon von Weit­em sicht­bar. Im 11. bis 12. Jahrhun­dert ent­s­tan­den die hölz­er­nen Kon­struk­tio­nen, die auf kün­stlich aufge­wor­fe­nen Erd­hügeln er­baut wur­den, in ganz Mit­teleu­ro­pa – Ange­hörige des nied­eren Adels er­richteten sie eben­so wie reiche Feu­dal­her­ren.

Orig­i­nal er­hal­ten ist die Kün­trop­er Motte freilich nicht: Sie wurde für eine Ausstel­lung des LWL-Mu­se­ums für Archäolo­gie in Herne rekon­struiert und an­sch­ließend dank des En­gage­ments einiger his­torisch in­teressiert­er Neuen­rad­er Bürg­er in Kün­trop wied­er aufge­baut. Heute ste­ht sie nur wenige Hun­dert Me­ter ent­fer­nt vom ehe­ma­li­gen Stan­dort ein­er echt­en Motte: der his­torischen Burg Gev­ern der Grafen von Arns­berg, deren Turm 1355 durch Graf En­gel­bert III. von der Mark zer­stört wurde. Zwischen Os­tern und Ok­to­ber kön­nen Be­such­er je­den Son­n­tag zwischen 12 und 14 Uhr den Aus­blick aus der Turmhügel­burg ge­nießen, Trau­un­gen sind eben­falls möglich.

Ein Stück Hei­mat

Was die Stad­ten­twick­lung ange­ht, ste­ht der Neuen­rad­er Bürg­ermeis­ter An­to­nius Wie­se­mann vor ähn­lichen Her­aus­forderun­gen wie die meis­ten sein­er Amt­skol­le­gen in der Re­gion: Üp­pige Aus­gaben und am­bi­tionierte Großpro­jekte sind zurzeit ein­fach nicht drin. „Aber die wichti­gen Punkte wer­den nicht aus den Au­gen ver­loren“, ver­spricht er. „Von einem an­sprechen­den, bezahl­baren Kul­tur­pro­gramm über ver­schie­dene Kin­dergärten und Schul­for­men bis hin zu Freizei­tange­boten ist vie­les vorhan­den. Die Vereins­land­schaft von Sport- bis hin zu Schützen- und Musikverei­nen ist eben­falls in­takt. Ein neues Stadtzen­trum mit Karus­sell und ver­schie­de­nen Cafés lädt ein.“

An­to­nius Wie­se­mann hofft, dass sich die Einzel­han­dels­si­t­u­a­tion in den näch­sten Jahren weit­er sta­bil­isieren kann. Der örtliche Stadt­mar­ket­ing-Verein legt sich bere­its kräftig ins Zeug, um die Struk­tur vor Ort zu verbessern. Erk­lärtes Ziel ist es, die Stadt für junge Men­schen und Fam­i­lien at­trak­tiv­er zu machen. „Für die Men­schen, die unsere Zukunft in der Hand haben“, be­tont der Bürg­ermeis­ter. Ein neu ge­grün­detes Ju­gend­fo­rum soll dabei helfen, die jun­gen Neuen­rad­er an ihre Stadt zu bin­den. „Men­schen, die sich pos­i­tiv an ihre Ju­gend erin­n­ern, kehren eher zu ihren Wurzeln zurück“, glaubt An­to­nius Wie­se­mann. „Damit muss eine Stadt punk­ten, um auch dem Fachkräfte­man­gel vorzubeu­gen. Eine Stadt sollte ein Stück Hei­mat sein.“

Winz­er­freu­den am Ber­en­trop­er Berg

Seit 2011 hat Neuen­rade ein echt­es Allein­stel­lungs­merk­mal zu bi­eten: ei­nen klei­nen, aber fei­nen Wein­berg. 13 We­in­fre­unde aus dem Ort pflanzen dort zwei Sorten von pilzre­sis­ten­ten Reben an: die weiße Traube So­laris und als rotes Pen­dant die Sorte Re­gent. Auf knapp 1.000 Qua­drat­me­tern an einem Süd­hang über dem Ort kul­tivierten die Winz­er in den Jahren 2011 und 2012 die Reben, die sich seit­dem recht gut en­twick­eln. Regelmäßig wer­den sie gesch­nit­ten und ge­heftet – ganz wie im „richti­gen“ Wein­berg.

Op­ti­male kli­ma­tische Be­din­gun­gen fin­d­en die Reben, die in der Nach­barschaft eines al­ten Prä­man­ste­nens­er-Klosters wach­sen, im Sauer­land freilich nicht vor. Es ge­ht den Winz­ern aber auch weniger um Er­trag und Geschäft, son­dern in er­ster Linie um den Spaß an der Sache. „Der Er­trag, wenn es dann ein­mal so weit ist, wird sich in Grenzen hal­ten und nur für Fre­unde und Bekan­nte reichen“, meint An­to­nius Wie­se­mann, der eben­falls zum Kreis der Hob­by­winz­er ge­hört. Besichtigt wer­den kann der kleine Wein­berg am Ber­en­trop­er Berg das ganze Jahr – bei klarem Wet­ter bi­etet der Stan­dort ei­nen schö­nen Blick über die Stadt.

Da­rauf ei­nen Bu­ba Bit­ter

Ge­feiert wird in Neuen­rade übri­gens ge­nau­so gerne wie über­all sonst im Sauer­­land. Allerd­ings markiert in der Hönnes­tadt nicht – wie in den meis­ten an­deren Städten und Dör­fern der Re­gion – das örtliche Schützen­fest den Höhep­unkt im Ve­r­an­s­tal­tungskal­en­der, son­dern der Gertru­den­markt, der von den Neuen­radern sowie von vielen Auswärti­gen lie­bevoll „Gertrüdchen“ ge­nan­nt wird. Ein echt­es Tra­di­tions­fest, das über viele Jahre gewach­sen ist. „Im Jahre 1355 gewährte Graf En­gel­bert III. von der Mark Neuen­rade die Stadtrechte und somit die Er­laub­nis, im Jahr drei Märkte abzuhal­ten. Ein­er davon war der Gertrud­is­markt im März“, schildert Sabine Ro­goli, die das Fest seit vielen Jahren mit or­gan­isiert, die Hin­ter­gründe.

Früher reis­ten die Pfer­de­händler schon am Fre­i­tag, dem so­ge­nan­n­ten „Heili­ga­bend“, vor dem ei­gentlichen Markt­tag an, belebten Neuen­rade und stie­gen in den Gasthöfen ab. So ent­s­tand auch das tra­di­tionelle Gertru­de­nessen: Sauerkraut mit weißen Boh­nen, Met­twurst und Speck – denn das hat­ten die Leute nach einem lan­gen Win­ter im Keller. Die­s­es Gericht gibt es um Gertrüdchen auch heute noch in allen Neuen­rad­er Gast­stät­ten. Reisende tranken außer­dem eine „Gertru­den­min­ne“ als Schutz für die Reise oder für Zer­strit­tene zur Ver­söh­nung – sie fungierte sozusa­gen als All­heilmit­tel.

Das Gertrüdchen war der er­ste Pfer­de­markt im Jahr und eine gute Gele­gen­heit für Bauern, Tiere für die Bestel­lung ihr­er Felder zu er­wer­ben. Darüber hi­naus boten Mark­thändler ihre Waren an und Belus­ti­gun­gen wur­den ve­r­an­s­tal­tet. So en­twick­elte sich die Kirmes.

„Für alle Neuen­rad­er ist die­s­es Fest ein fes­ter Ter­min im Kal­en­der. Viele Ein­heimische, die ver­zo­gen sind, kom­men aus die­sem An­lass zurück nach Neuen­rade und tr­ef­fen dort alte Bekan­n­te“, weiß Sabine Ro­goli. „Die Neuen­rad­er lieben ihr Gertrüdchen und ver­suchen, an die­sem Da­tum vor Ort zu sein. Sie trotzen Wind und Wet­ter, Kälte und Sturm, trinken und feiern gerne jedes Jahr wied­er mit ihren Fre­un­den, Ver­wandten und Bekan­n­ten.“ Für den Ve­r­an­s­tal­ter ist die Or­gan­i­sa­tion des Gertru­den­marktes in je­dem Jahr eine neue Her­aus­forderung. Sch­ließlich möchte das Team den Be­such­ern im­mer wied­er ein frisch­es und at­trak­tives Ange­bot un­ter­breit­en. „Auf­grund der Be­son­der­heit des Ve­r­an­s­tal­tungs­platzes – geringe Größe und wenige Zu­fahrts­möglichkeit­en – ist es sch­wierig, bes­timmte Fahrgeschäfte und Markt­stände un­terzubrin­gen“, schildert Sabine Ro­goli die Si­t­u­a­tion.

Der Pfer­de­markt im Garten der Vil­la am Wall ist bis heute ein fes­ter Be­s­tandteil des Volks­festes, die Ten­denz war zulet­zt allerd­ings rück­läu­fig: Et­wa ein Dutzend Pferde stand noch zum Verkauf. Die teil­weise empfind­liche Kälte und der um­ständliche Tran­s­port zum Markt führten dazu, dass sich einige Aussteller zurück­zo­gen. Das Or­gan­i­sa­tion­steam be­müht sich je­doch nach Kräften, die beste­hen­den Händler zu hal­ten und in Zukunft eventuell auch wied­er mehr Pferde an­bi­eten zu kön­nen.

Der Fortbe­s­tand ein­er weit­eren Gertrüdchen-Tra­di­tion dürfte hinge­gen kaum ge­fährdet sein: Der le­g­endäre Bu­ba Bit­ter, ein Kräuter­likor, dessen Rezep­tur auf die Apothek­er­fam­i­lie Bun­ten­bach zurück­ge­ht und bis heute ge­heim ge­hal­ten wird, fin­d­et jedes Jahr aufs Neue reißen­den Ab­satz. „Der Sch­naps hat schon vielen Be­such­ern des Gertrüdchens seine Wirkung auch noch am näch­sten Tag gezeigt“, sch­munzelt Sabine Ro­goli. „Er hat sich en­twick­elt aus der so­ge­nan­n­ten Gertru­den­minne, die Schutz für Leib und Seele bi­eten sollte, und wird aus heimischen Kräutern ge­bran­nt.“ Tat­säch­lich wurde ein Gertru­den­sch­naps bere­its vom Pro­vi­sor Franz Vigelius als Nach­fol­ger des Apothek­ers Hem­pel seit 1782 hergestellt. Diese Tra­di­tion wurde fort­ge­set­zt durch die Fam­i­lie Bun­ten­bach, der das Getränk sei­nen Na­men ver­dankt. Da es ur­sprünglich in ein­er Apotheke hergestellt wurde, ist es natür­lich reine Medizin – auch wenn der Sch­naps in­zwischen in ein­er Bren­nerei fa­briziert wird. „Es gibt ihn nur an­läss­lich des Gertrüdchens, das Rezept ist ge­heim und er hilft ge­gen alles“, weiß Sabine Ro­goli. „Bere­its der würzige, leicht süßliche Gesch­mack lässt den ge­sun­den Charak­ter er­ah­nen. Und das Mot­to ‚Viel hilft viel‘ wird von den Be­such­ern des Gertrüdchens im­mer wied­er gerne be­herzigt.“

Am Fre­i­tag vor dem Fest tr­ef­fen sich, wie früher die Pfer­de­händler und Marktleute, nun die Neuen­rad­er und auch viele Fremde in der Gertru­den­pas­sage, um den neuen Bu­ba-Bit­ter zu verkosten und zu feiern. Die of­fizielle Eröff­nung des Festes er­fol­gt durch Bürg­ermeis­ter An­to­nius Wie­se­mann im Klei­nen Sitzungs­saal des Rathaus­es und ist ver­bun­den mit dem tra­di­tionellen Peitschenk­nall und der Ver­le­sung der Markt­priv­i­legien durch die „Stadt­sol­daten“ auf dem Rathaus­balkon. Dass der Wet­ter­gott der Ve­r­an­s­tal­tung nicht im­mer gut ge­son­nen ist und der Be­griff „Gertru­den­wet­ter“ lan­dläu­fig mit Re­gen, Sturm und so­gar Sch­nee as­soziiert wird, hält übri­gens nie­man­den vom Feiern ab – ihr Gertrüdchen lassen sich die Neuen­rad­er nicht neh­men.