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Erfolgreich zwischen Tradition und Zukunft 

Es mag verwundern, wenn der Kreis Olpe auf seiner offiziellen Webseite als „Deutschlands Industrieregion Nr. 3“ bezeichnet wird. Schließlich ist doch gerade auch der Tourismus hier immer schon ein wesentlicher Wirtschaftszweig gewesen. Bei dem Begriff Industrieregion kommen einem ja eher Bilder des Ruhrgebiets der 1960er-Jahre in den Sinn. Tatsächlich liegt hier aber gar kein Widerspruch. Im Gegenteil, es ist eine Besonderheit dieses Kreises, Tradition und Moderne auf bemerkenswerte Weise unter einen Hut zu bringen.

Ver­gleich­sweise wenig Men­schen leben hi­er. Von der Ein­woh­n­erzahl her ist der Kreis Olpe mit sei­nen rund 135.000 Bürg­ern der klein­ste Kreis in Nor­drhein-West­falen. Un­ter den zahl­reichen Fam­i­lie­nun­terneh­men, deren Fir­mengeschichte oft auf bis zu sechs Gen­er­a­tio­nen zurück­reicht, sind aber einige er­fol­greiche Glob­al Play­er. Ein­deutig liegt die Kernkom­pe­tenz Olpes im Bereich des leis­tungs­fähi­gen und di­ver­si­fizierten Sek­tors mit Sch­w­er­punkt in Me­t­all- und Elek­troin­dus­trie. Als Zulief­er­er der Au­to­mo­bilin­dus­trie hat man sich hi­er auf Spitzen­tech­nolo­gie in ver­schie­de­nen Bereichen spezial­isiert. Für die Beschäf­ti­gungs­dy­namik sind darüber hi­naus Un­terneh­men der Sanitär- und Ar­ma­turenin­dus­trie, Her­steller von Be­fes­ti­gungse­le­men­ten sowie Be­triebe der Kun­st­stof­fverar­bei­tung, die Teile für die Kon­sumgüter­pro­duk­tion oder den An­la­gen- und Maschi­nen­bau lie­fern, ve­r­ant­wortlich. Im Ver­gleich zum Vor­jahr war die Ar­beit­s­losen­quote von Novem­ber im Kreis von 3,6 auf 3,1 Prozent ge­sunken. Be­merken­sw­ert dabei: Von den 15- bis 20-Jähri­gen sind derzeit nur 1,3 Prozent ohne Job. Die Olper Wirtschaft brummt, und das ger­ade weil sie so eine lange Geschichte hat.

Mitarbeiter der in Olpe ansässigen Kemper GmbH & Co KG im Herbst auf der Electronica India in Bangalore (Foto: Quelle: Kemper GmbH & Ko KG)

Olpe ken­nt man auch in In­di­en

Ein gutes Beispiel dafür ist der 1864 ge­grün­dete Fam­i­lien­be­trieb der Ge­brüder Kem­per. Mit drei tech­nol­o­gisch an­spruchsvollen Pro­duk­tionss­parten hat sich das Un­terneh­men als feste Größe auf dem in­ter­na­tio­nalen Markt etabliert. Im­mer schon ist hi­er min­destens ein Fam­i­lien­mit­glied in der aktuellen Geschäfts­führung vertreten. Vom Fir­men­sitz in Olpe ge­lenkt, beschäftigt Kem­per weltweit fast 1.000 Mi­tar­beit­er und erzielte 2017 ei­nen Jahre­sum­satz von 305 Mil­lio­nen Eu­ro. Hochzufrie­den zeigte man sich noch im Herbst mit dem ei­ge­nen Auftritt auf der elec­tron­i­ca In­dia, der in­ter­na­tio­nalen Messe für elek­tronische Bauele­mente, Ma­te­rialien und Pro­duk­tions­maschi­nen in Ban­ga­lore. Für Kem­per war die Teil­nahme an dies­er Messe im­mens wichtig, weil man sich so noch ein­mal klar zum in­dischen Markt beken­nen kon­nte. Das wurde auf der an­deren Seite wohl wahrgenom­men. Wirk­lich alle Kun­den aus dem Bereich Südin­di­en seien mit ver­schie­den­sten Del­e­ga­tio­nen vor Ort gewe­sen, meldete Kem­per an­sch­ließend stolz. Von Olpe aus sind Pro­dukte in­n­er­halb von fünf Ta­gen beim Kun­den, so­gar wenn der in Chi­na sitzt. Und ein Fes­thal­ten am Stan­dort ist dem Un­terneh­men wichtig. Ger­ade erst wird an ein­er weit­eren rie­si­gen Halle am Stad­trand von Olpe ge­baut, die Werk II er­weit­ern soll.

Stan­dort­treue ist Ehren­sache

Ein ähn­lich­es Beken­nt­nis zur Re­gion gab es im Früh­som­mer auch von dem seit 1899 ex­istieren­den Un­terneh­men Vie­ga. Der an­erkan­nte Sys­temher­steller von Pro­duk­ten für die In­s­tal­la­tion­stech­nik in­vestierte ei­nen ho­hen zweis­tel­li­gen Mil­lio­nen­be­trag in ein neues Schu­lungszen­trum in At­ten­dorn. Mit Blick auf den Kli­mawan­del set­zt man bere­its beim Bau auf Nach­haltigkeit. Das Ge­bäude nutzt re­gen­er­a­tive En­ergien und wird so mehr Wärme und Strom pro­duzieren kön­nen, als es ver­braucht. Auf ins­ge­samt 12.000 Qua­drat­me­tern gibt es dann Platz, den das bish­erige Sem­i­nar­cen­ter ein­fach nicht mehr hatte. Über 10.000 Be­such­er durch­laufen jähr­lich Schu­lun­gen für die Pro­dukte. Wie so viele Un­terneh­men im Kreis Olpe set­zt man auch hi­er voll auf die Nach­wuchs­förderung. Während woan­ders über den Fachkräfte­man­gel gek­lagt und ger­ade im Dezem­ber noch deswe­gen in der Regierung über ein Ein­wan­derungs­ge­setz gestrit­ten wird, packt man im Kreis Olpe an. Oh­ne­hin hat Vie­ga un­ter sei­nen weltweit 3.500 Mi­tar­beit­ern über 150 Auszu­bil­dende in 17 ver­schie­de­nen Aus­bil­dungs­berufen. Mit prax­i­sori­en­tierten Sem­inaren im neuen Zen­trum in At­ten­dorn will man weitere Qual­i­fizierungs­maß­nah­men an­bi­eten.

Fachkundi­ger Nach­wuchs haus­ge­macht

Wer auch künftig in­ter­na­tio­n­al beste­hen will, tut gut daran, rechtzeitig in die Zukunft zu blick­en. Un­terneh­men der Re­gion wür­den nicht über viele Jahrzeh­nte so eine er­fol­greiche Geschichte schreiben, wenn sie das ver­säumt hät­ten. Bei einem 2018 er­st­mals ini­tiierten Pro­jekt der Süd­west­falen Agen­tur GmbH sind da­her bere­its elf Fir­men aus dem Kreis beteiligt. Das „Gap Year Süd­west­falen“ will junge Men­schen di­rekt nach Schule oder Studi­um ein­la­den, die vielfälti­gen Ar­beits- und Freizeit­möglichkeit­en der Re­gion näher ken­nen­zuler­nen. Ein Gap Year, überset­zt in et­wa mit „Lück­en­jahr“, kann dabei durchaus als Al­ter­na­tive zu einem Aus­land­saufen­thalt oder einem Jahr der Ori­en­tierung ge­se­hen wer­den. „1 Jahr, 3 Un­terneh­men, deine Zukunft“ ist das Mot­to und bi­etet neben drei hin­tere­i­nan­der­fol­gen­den Prak­ti­ka über das Jahr hin­weg ver­schie­dene Rah­men­ver­an­s­tal­tun­gen, bei de­nen beide Seit­en – Un­terneh­mer wie Nach­wuch­skräfte – wertvolle Kon­takte knüpfen kön­nen. Um­fra­gen zei­gen im­mer wied­er, dass insbe­son­dere der Fachkräfte­man­gel für Un­terneh­mer ein ganz entschei­den­der Risiko­fak­tor ist, wenn sie ihre künftige En­twick­lung pla­nen wollen. Um dem ent­ge­gen­zuwirken, wurde das Pro­jekt „PER­SPEK­TIVE Süd­west­falen“ ins Leben gerufen, bei dem man mit ein­er Re­gio­nal­mar­ket­ing-Kam­pagne be­son­ders diese ländlich geprägte, aber doch starke In­dus­tri­ere­gion un­ter­stützen will. Die Ini­tia­tive wird mit EU-Mit­teln aus dem Fonds für re­gio­nale En­twick­lung ge­fördert. Im besten Fall gel­ingt es damit, auch den weniger bekan­n­ten Mit­tel­s­tand im Kreis Olpe für junge Ta­l­ente er­leb­bar zu machen. Spätere Ver­gleiche der Stu­di­en­abgänger, die ja auch an­dere Konz­ern­struk­turen oder Ar­beits­for­men ken­nen­ler­nen wer­den, braucht man dann nicht zu fürcht­en, so sind sich die Ini­ti­a­toren sich­er.

Bürgermeister des Kreises Olpe beim ersten Spatenstich des Breitbandausbaus Ende 2017 in Neu-Listernohl (Foto: Kreis Olpe)

Großflächiger Bre­it­ban­daus­bau für sch­nelles In­ter­net

Während be­mitlei­den­sw­erte Bran­den­burg­er in lau­ni­gen Fernsehre­por­ta­gen verzweifelt ihr Handy hoch­hal­ten, um die Nachteile ein­er ländlichen Re­gion zu verdeut­lichen, wird im Kreis Olpe kräftig am sch­nellen In­ter­net ge­baut. Über 10.000 Haushalte, 46 Schulen und 27 Gewer­bege­bi­ete bekom­men mit der aktuell laufen­d­en Maß­nahme bis Ende 2019 sch­nelles In­ter­net. Durch den großflächi­gen Aus­bau des Bre­it­band­netzes er­reichen rund 98 Prozent der Haushalte in den Aus­bauge­bi­eten Über­tra­gungs­gesch­windigkeit­en von min­destens 50 Mbit/s, die übri­gen zwei Prozent aber min­destens 30 Mbit/s. In Gewer­bege­bi­eten sind dank Glas­faserk­a­beln so­gar min­destens 100 Mbit/s möglich. Der Spaten­s­tich er­fol­gte Ende 2017 im At­ten­dorn­er Ort­steil Neu-Lis­ter­nohl. Ei­nen zweis­tel­li­gen Mil­lio­nen­be­trag in­vestiert die Deutsche Telekom in das Pro­jekt, bei dem fast 900 Kilome­ter Glas­faserk­a­bel neu ver­legt wer­den. Die Städte und Ge­mein­den im Kreis Olpe tra­gen ei­nen Ei­ge­nan­teil von ins­ge­samt rund 690.000 Eu­ro, das Land NRW gibt rund 4,45 Mil­lio­nen Eu­ro und der Bund übern­immt mit 5,14 Mil­lio­nen ei­nen Löwe­nan­teil. Doch auch auf an­deren Ebe­nen ist der Kreis auf Za­ck, wenn es darum ge­ht, die Zukunft durch dig­i­tale Präsenz zu sich­ern: Im Au­gust kon­nte Lan­drat Frank Beck­e­hoff ei­nen Zuwen­dungsbescheid über 560.000 Eu­ro zur Förderung des Bre­it­ban­daus­baus aus der Hand von Wirtschafts- und Dig­i­talmin­is­ter Pro­fes­sor Dr. An­dreas Pink­wart ent­ge­gen­neh­men. Es war das er­ste Mal, dass das Land nachträglich Förder­sum­men er­höhte, um Schulen mit Glas­faser­an­sch­lüssen zu ver­sor­gen. Wenn das Min­is­teri­um an­strebt, alle Schulen bis 2022 an Gi­ga­bit­netze anzusch­ließen, ist das ein guter Plan; wenn nun aber dank dies­er Förderung ganz zeit­nah 46 Schul­s­tan­dorte im Kreis Olpe op­ti­male Vo­raus­set­zun­gen für die dig­i­tale Bil­dung er­hal­ten, ist das ein tolles Ergeb­nis.

In­no­va­tio­nen im Touris­mus

Das ge­samte Kreis­ge­bi­et Olpes liegt im Na­tur­park Sauer­land-Rothaarge­birge. Wie wertvoll die in­takte Land­schaft ist, dessen war man sich hi­er schon im­mer be­wusst. Die Zahlen der Touris­mus­branche für den Kreis sind im­mer wied­er vielver­sprechend. Noch bevor der be­son­ders heiße Som­mer 2018 über­haupt in Fahrt kam, über­nachteten allein in der Zeit von Jan­uar bis Mai die­s­es Jahres hi­er weit über 200.000 Gäste. Das ist ein Plus im Ver­gleich zum Vor­jahreszei­traum von fast fünf Prozent. Darüber hi­naus er­freut sich Olpe aber auch aus­ge­sproch­en­er Be­liebtheit bei Tage­saus­flü­glern. Statis­tisch wer­den nur die meldepflichti­gen Gästeankünfte er­fasst, trotz­dem kann man davon aus­ge­hen, dass die Be­sucherzahlen generell kont­inuier­lich an­stei­gen. Mit in­no­va­tiv­en Konzepten sind es ger­ade Jun­gun­terneh­mer, die daran ar­beit­en, auch Ziel­grup­pen anzus­prechen, de­nen das nor­male Wan­dern oder ein Aus­flug zu At­ta-Höh­le oder Karl-May-Fest­spielen nicht originell genug er­scheint. Es ist kein Zu­fall, dass die er­ste Blob-Base ganz Nor­drhein-West­falens am Bigge­see eröffnete. Beim Blob­bing springt man von einem Sprung­turm auf ein mit Luft ge­fülltes, im Wass­er sch­wim­men­des Gum­mikis­sen. Da angekom­men, krab­belt man auf die an­dere Seite, um von dort hoch in die Luft ka­t­a­pul­tiert zu wer­den, sobald ein weit­er­er Springer auf dem Kis­sen lan­det.

Beim Geocaching die Schönheit der Region entdecken (Foto: Tim Friesenhagen)

Auf Schatz­suche wird jed­er zum Wan­der­er

Der studierte Sozialar­beit­er Ste­fan Lamers set­zt seit einiger Zeit auf Geo­cash­ing, um insbe­son­dere junge Touris­ten in die Re­gion zu lock­en. Bei die­sen mod­er­nen Sch­nitzel­jag­den bekom­men die Teil­neh­mer ein kleines Gerät, das GPS-Sig­nale empfängt. Allein über vorgegebene Ko­or­d­i­nat­en müssen sie sich in der freien Na­tur ori­en­tieren. An den einzel­nen Sta­tio­nen warten dann bes­timmte Auf­gaben. Nur wenn man die löst, gibt es die näch­sten Zielvor­gaben und es ge­ht weit­er. Am Ende wartet eine Schatzk­iste, deren In­halt in­di­vi­du­ell auf die jew­eili­gen Teil­neh­mer der Ex­pe­di­tion abges­timmt wurde. Auch ein Log­buch ist da, in dem man sei­nen Er­folg doku­men­tieren kann. Let­zteres ver­bleibt am Zielort, so­dass spätere Fin­d­er sich eben­falls ein­tra­gen kön­nen. Bei dies­er Schatz­suche ist das Ziel ei­gentlich gar nicht das Wichtig­ste, sprich­wörtlich kommt es viel mehr auf den Weg dahin an. Ganz be­wusst haben die Geräte von Ste­fan Lamers auch keine Sim-Karte. „Ich möchte, dass die Leute nicht ein­fach goo­geln kön­nen, wo der näch­ste Spazier­weg ist. Nein, es kommt da­rauf an, selbst eine gang­bare Route zum Ziel und sich in der Na­tur zurechtzufin­d­en“, so Ste­fan Lamers. Wass­er, Feuer, Erde und Luft sind die wichti­gen Menüpunkte auf sein­er Web­seite bigge-el­e­ments.de. „Ich liebe meine Re­gion, finde sie toll und wollte das auch an­deren Men­schen na­he­brin­gen.“ Trends und Tra­di­tion ste­hen dabei nicht im Wider­spruch zuei­nan­der. Wenn über­all die Mode-Spor­tart Stand-up-Pad­dling prak­tiziert wird, dann natür­lich auch auf dem Bigge­see. Im Kreis ver­ste­ht man es, aus dem, was man oh­ne­hin vor der Tür hat, et­was zu machen. Da, wo einst Bahn­linien die klei­nen Städte mitei­nan­der ver­bun­den haben, wur­den in­zwischen Trassen still­gelegt. Rad­wege sind ent­s­tan­den, die an­genehm wenige Stei­gun­gen haben und da­her für Fahr­rad­fahr­er je­den Al­ters geeignet sind. Auch Franz-Josef Göd­decke ist hi­er im­mer wied­er mit sein­er Frau un­ter­wegs. Er mag be­son­ders die Strecke in Rich­tung Drol­sha­gen oder den Sauer­lan­dring. Doch der 67-jährige Wahl-Olpen­er achtet nicht nur auf die Schön­heit der Umge­bung, son­dern auch da­rauf, ob es ir­gend­wo eine Be­dro­hung für die Na­tur gibt.

Durch konse­quen­ten Schutz die Na­tur des Kreis­es be­wahren

Seit 34 Jahren ist er schon Vor­sitzen­der bei der Kreis­gruppe Olpe des Na­turschutzbun­des Deutsch­land e.V. (NABU). All die Jahre über genoss er in dies­er Funk­tion be­son­ders die kurzen Wege in sein­er Ge­gend. „Während meine Frau es schätzte, dass wir in Olpe eine gute An­bin­dung an Schulen und Einkaufs­möglichkeit­en hat­ten, fand ich es enorm prak­tisch, dass die Ämter zen­tral gele­gen und gut zu er­reichen waren. Bei der Un­teren Na­turschutzbe­hörde hatte ich näm­lich öfter zu tun“, erin­n­ert er sich. Viele Maß­nah­men wur­den hi­er er­grif­f­en, wobei ein guter Teil davon auf die Ini­tia­tive der Ehre­namtlichen des NABU zurück­ge­ht. Ein Beispiel ist der so­ge­nan­nte Fle­d­er­maus­tun­nel, den Göd­decke auch von sei­nen Fahr­ra­daus­flü­gen ken­nt. Die Strecke von Fin­nen­trop nach Wen­ne­men war schon 1984 still­gelegt wor­den, durch den 689 Me­ter lan­gen Tun­nel führt seit­dem ein at­trak­tiv­er Rad­weg. Doch der Tun­nel wird auch von Fle­d­er­mäusen als Win­terquarti­er genutzt. Die Tiere, die kein Fett­de­pot auf­bauen kön­nen, müssen die nahrungs­lose Zeit möglichst im Win­ter­sch­laf ver­brin­gen. Der Tun­nel wird nun regelmäßig in der Zeit von Novem­ber bis An­fang April geschlossen, lediglich kleine Luken für die Tiere bleiben auf. Fle­d­er­maus ist nicht gleich Fle­d­er­maus. Franz-Josef Göd­decke hat über­haupt in sein­er Hei­mat schon viele ver­schie­dene Arten ent­deck­en kön­nen: „Wir haben die Zw­erg-, Bart-, die Fransen- und natür­lich die Wasser­fle­d­er­maus in unser­er Re­gion, außer­dem gibt es das braune Lan­gohr, das große Mau­sohr, das graue Lan­gohr, den Abend­se­gler, die Bre­it­flügelfle­d­er­maus und gele­gentlich auch die Rauhaut­fle­d­er­maus. Durch den öf­fentlichen Wir­bel um den Fle­d­er­maus­tun­nel wurde eine breitere Öf­fentlichkeit für diese Tiere sen­si­bil­isiert. Vor eini­gen Jahren war das noch an­ders. Ich erin­nere mich an eine Fam­i­lie, die Fle­d­er­mäuse von ihr­er Hauswand ent­fer­nte, weil sie die Tiere un­heim­lich fand. Im näch­sten Jahr berichteten sie dann aber, dass sie plöt­zlich auf der Ter­rasse viel häu­figer von Mück­en ges­tochen wür­den“, so Franz-Josef Göd­decke, wobei nur ein kl­itzek­lein­er Hauch von Scha­den­freude seine Mund­winkel um­spielt. Fle­d­er­mäuse sind Insek­ten­fress­er.

Einzigartige Amphibienpopulation im ehemaligen Stupperhof (Foto: NABU)

Nicht mehr genutzte In­dus­trie wan­delt sich zum Bio­top

Ins­ge­samt ist Göd­decke aber mit dem Umwelt­be­wusst­sein der Olper zufrie­den. Und auch ganz per­sön­liche Lie­bling­sorte hat er hi­er. Da gibt es ei­nen ehe­ma­li­gen Stein­bruch bei Drol­sha­gen. „Wir kon­n­ten den Stup­per­hof 1987 gün­stig er­wer­ben, nach­dem wir fest­gestellt hat­ten, dass sich dort eine vielfältige Am­phi­bi­en­pop­u­la­tion an­ge­siedelt hatte. Die Stein­bruch­soh­le war so verdichtet, dass Tiere wie die Ge­burt­shelfer­kröte, Gras­frösche, Sala­man­der und Molche dort ideale Be­din­gun­gen vor­fan­den. Mit solchen Pro­jek­ten kann man die so wichtige Arten­viel­falt sich­ern.“ Als eine ehe­ma­lige Ort­s­net­zs­ta­tion des Stro­man­bi­eters im Veischede­tal vom Netz ging, hat der NABU sie über­nom­men und dort mit Nisthil­fen für Fle­d­er­mäuse und Vögel ei­nen Arten­schutz­turm ein­gerichtet. „Wenn wir mal über die Grenzen unseres Kreis­es hi­naus­blick­en und Ver­gleiche an­stellen, dann müssen wir uns wirk­lich nicht ver­steck­en“, so Göd­decke. „Erzäh­le ich beispiel­sweise auf einem Na­turschutztr­ef­fen in Köln, dass es bei uns noch an je­dem Bach eine Wasser­am­sel gibt, dann sa­gen mir die Kam­er­a­den dort, sie hät­ten bei sich noch nie eine ge­se­hen. Auch Eisvögel leben hi­er im Kreis Olpe, das ist et­was Be­son­deres.“

Gute In­fras­truk­tur und ho­he Leben­squal­ität

Wichtige Zahlen darüber, wie gut es den Men­schen in der Re­gion ge­ht, kom­men jew­eils im Fe­bruar von der IHK. Hi­er gibt es Un­ter­schiede hin­sichtlich der En­twick­lung der In­nen­städte und der Um­sätze. Aus den aktuell­sten Zahlen, die sich auf 2017 bezie­hen, ge­ht her­vor, dass Olpe eine Son­der­stel­lung ein­n­immt. Die Kreis­s­tadt er­reichte eine Zen­tral­itätskennz­if­fer (ZKZ) von 130,9. Läge die Zif­fer lediglich bei 100, so hieße das, der Einzel­han­del würde nur die Kaufkraft bin­den, die vor Ort ver­füg­bar ist. Da der Wert aber einiges darüber ist, kom­men ganz of­fen­sichtlich viele Kun­den aus an­deren Kom­mu­nen her, um in Olpe ihr Geld auszugeben. Auch wenn die Stadt at­trak­tive Einkaufs­möglichkeit­en bi­etet, sind die Olper nicht allein auf das Ange­bot in ihrem Kreis angewie­sen. Dank der verkehrs­gün­sti­gen Lage im Kreuzungs­bereich der Bun­de­sau­to­bah­nen A45 (Sauer­lan­dlinie) und A4 (Aachen–Köln–Olpe) sind Bal­lungs­räume wie auch die über­re­gio­nalen Flughäfen problem­los zu er­reichen.

Baby­boom und medizinische Ver­sor­gung 

Spitzen­reit­er NRW-weit ist der Kreis Olpe in Bezug auf die starke Zu­nahme der Ge­burten. Von 2016 bis 2017 verzeich­nete man er­st­mals ei­nen An­stieg um satte 10,4 Prozent. Nir­gend­wo im Bun­des­land sonst hat die Zahl der Ge­burten so zugenom­men. In der Frauen­k­linik am Olper St.-Mart­i­nus-Hos­pi­tal freute man sich an­läss­lich des jüng­sten 50-jähri­gen Ju­biläums so­gar über ei­nen regel­recht­en Baby­boom. In der At­ten­dorn­er He­lios-Klinik sowie im Lennestädter St.-Josefs-Hos­pi­tal sah das ähn­lich aus. Neben der klas­sischen medizinischen Ver­sor­gung ist im Kreis in den let­zten Jahren auch das Ange­bot an al­ter­na­tiv­en Be­hand­lungs­meth­o­d­en breit­er ge­wor­den. Ganze 44 Heil­prak­tik­er sind derzeit ak­tiv, es gibt pri­vatärztliche Prax­en mit be­son­deren Aus­rich­tun­gen. Auch für das Problem viel­er ländlich­er Re­gio­nen, die man­gel­nde ärztliche Ver­sor­gung klein­er Ge­mein­den, gibt es im Kreis aus­ge­sprochen krea­tive Lö­sungsan­sätze. Hausarzt Ste­fan Spieren aus Hüns­born beispiel­sweise ver­sucht, ein Netz von Filialen aufzubauen. Ärzte, die sich al­tersbe­d­ingt zur Ruhe setzen wollen, stellt er an, übern­immt den ge­sam­ten or­gan­isa­torischen und bürokratischen Aufwand, so­dass sich die Kol­le­gen vor Ort nur noch um die Be­hand­lung der Pa­tien­ten küm­mern müssen. Auch für junge Ärzte ist die­s­es Mod­ell in­teres­sant. Sie brauchen sich nicht um die Fi­nanzierung von Prax­is­räu­men und -ein­rich­tun­gen zu küm­mern, außer­dem ste­ht ih­nen bei Be­darf im­mer ein ärztlich­er Men­tor zur Ver­fü­gung. Auf Lan­de­sebene hat die Regierung von NRW ger­ade eine so­ge­nan­nte Lan­darztquote einge­führt. Wer sich verpflichtet, zehn Jahre lang als Hausarzt in ein­er un­ter­ver­sorgten Re­gion zu ar­beit­en, kann sich auf ei­nen von 170 zusät­zlichen Stu­di­en­plätzen be­wer­ben. Bun­desweit gibt es ei­nen En­twurf für ei­nen Staatsver­trag mit ähn­lichen Zielen. Diese Maß­nah­men wer­den sich erst in vielen Jahren auswirken. Die Ideen des Olper Arztes greifen dage­gen so­fort.

Josefin, Steffen, Clemens, Kathrin und Lotte Maiworm (v.l.) leben gern im Kreis Olpe (Foto: Privat)

Men­schen im Kreis Olpe

Neben einem be­merken­sw­erten Ideen­reich­tum scheint über­haupt eine krea­tive Ad­er kennzeich­nend für die Men­schen im Kreis zu sein. Kathrin Mai­worm, die in viel­er Hin­sicht typisch ist, lebt das in man­nig­faltiger Weise aus: Mit­glied in allen Verei­nen ist sie, egal, ob es um Dor­fver­schönerung, Sin­gen, Sport oder den Karne­val ge­ht, sie war schon Schützenköni­gin und ar­beit­et mit ihrem Mann in dessen Fa­m­i­lien­bäck­erei, die es schon in der fünften Gen­er­a­tion gibt. Auch hi­er wird gelebt, was die Olper Wirtschaft prägt. Be­währtes hat aus gutem Grund seine Berech­ti­gung, Qual­ität ge­ht vor Quan­tität und trotz­dem ist man Verän­derun­gen ge­genüber of­fen. Bei Mai­worms in der Back­s­tube be­deutet das, dass zur Weih­nacht­szeit im­mer noch Omas alte Teig­presse zum Ein­satz kommt, es heißt aber auch, dass mod­erne Geräte sich­er­stellen, dass es tagtäglich alle Back­waren frisch gibt. Kei­nen La­den hat der kleine Be­trieb, son­dern ein Team von Mini­job­bern, das die Pro­dukte zu den Kun­den nach Hause lie­fert. Die Probleme an­der­er Bäck­ereien im Land, die ge­gen die Konkur­renz der Dis­coun­ter und In­dus­trie­bäck­er kämpfen, ken­nt man hi­er nicht. Der La­den läuft. Wenn Back­s­tube und ihre drei Kin­der es zu­lassen, malt die Drol­sha­generin. Bei ihr­er er­sten Ausstel­lung wurde sie ge­fragt, warum sie so häu­fig Mo­tive aus der Hei­mat wählt. „Wir haben hi­er so viele schöne Ge­bäude“ war ihre Ant­wort. „Wie schön es bei uns ist, das wird auch mir erst manch­mal dann wied­er be­wusst, wenn ich se­he, wie an­dere Leute bei mir vor der Tür Ur­laub machen. Tat­säch­lich möchte ich durch meine Malerei auch dazu bei­tra­gen, dass manche Schön­heit unser­er Re­gion wied­er mehr wert­geschätzt wird.“

Erschienen in: TOP MAGAZIN SAUERLAND 4/2018